Gastbeitrag: Kindergarten-Eingewöhnung ein Klacks?

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Als ich noch kinderlos war, hörte ich immer wieder von Eltern, die ihre Sprösslinge schon im zarten Säuglingsalter in die Kita gaben. „Die brauchen das zur Entwicklung ihrer Sozialkompetenz“. „Klar“, dachte ich mir. „Die haben recht“. Und war den Eltern sehr dankbar, dass auf diese Weise eine neue Generation an empathischen und im sozialen Miteinander bestens geschulte Menschen heranreiften.

Und auch später als wir stolze Eltern des Stenzes wurden, verschwendeten wir an etwaige Eingewöhnungs-Procedere keinen einzigen Gedanken. Das würde schon irgendwie ruckizucki über die Bühne gehen. Dass bei unseren Kindern irgendwie so gar nichts ruckizucki über die Bühne geht, daran dachte ich erst als ich mich auf einem Miniatur-Stühlchen an der Türschwelle zum Eingang des „Bienenstocks“ wiederfand und ein schreiender Stenz sich an mein Bein klammerte, um sirenenhaft mit den Worten aufzuheulen: „Mami, lass mich hier bloß nicht alleine zurück“. Für Außenstehende hatte diese Szene etwas Skurriles. Das Gebaren unseres Stenzes hätte den Eindruck vermitteln können, dass ich ihn so mir nichts dir nichts in die Obhut wilder Kannibalen geben wollte. Doch mitnichten. Behutsamer als wir hätte man sich kaum an das Thema „Kinderbetreuung“ heranpirschen können. So gönnten wir dem Stenz eine quasi dreijährige Akklimatisierung an diese Welt. Nicht, dass wir es nicht schon mit 16 Monaten versucht hätten, ihn in einer Kita das ach so wichtige Sozialverhalten zu lehren. Doch just nach der ersten Woche der Eingewöhnung schnappte sich der Stenz etwas ganz Fieses auf, wodurch wir uns gezwungenermaßen plötzlich mit einem 14tägigen Krankenhausaufenthalt konfrontiert sahen. Das Projekt Kita war somit kläglich gescheitert. Und als Freiberufler konnten wir es uns glücklicherweise erlauben, für die ersten drei Jahre im Leben unseres Stenzes die Nummer eins zu sein.

Jetzt ist Schluss mit lustig

Doch nun war Schluss mit täglich organisierten vormittäglichen Playdates und häuslicher Kinderbespaßung rund um die Uhr. Drei Jahre waren genug. Als Kindergarten hatten wir uns, wie wir fanden, den entzückendsten Ort von allen ausgesucht. Waldtage, Kutschfahrten, Projektwochen, hier spielte sich „Edutainment“ auf allerhöchstem Niveau und liebevollster Kleingruppenbetreuung ab. Ganz großes Kinderkino also. Der Ansturm war dementsprechend enorm. Um die Chancen für die Aufnahme in diesen kleinen elitären Kreis der glückseligen Kinder zu erhöhen, erstellte ich sogar ein mehrseitiges Bewerbungs-Dossier, das der Anwartschaft für einen mittleren Management-Posten alle Ehre gemacht hätte. Als wir dann die Nachricht der Aufnahme in diesem „Place to be“ für alle Drei- bis Sechsjährigen erhielten, lagen wir uns freudestrahlend in den Armen. So begannen wir dem Stenz vom Leben als Kindergartenkind vorzuschwärmen. Und da wir seinen zukünftig neuen Alltag in den schillerndsten Farben ausmalten, sahen wir die einzige Herausforderung für die kommenden drei Jahre im frühen Aufstehen begründet. Denn mit zwei Langschläfer-Kindern gesegnet und als Selbständige, erschien uns ein Wake Up Call um 8 Uhr als wahre „Challenge“. Doch das frühe Aufstehen als einzigen Stolperstein zu sehen, war eine optimistische Fehleinschätzung.

Der Mann, der beste Freund des Stenz

Der Mann verkündete überall in unserem Freundeskreis, dass er die Eingewöhnung seines Sprösslings selbst in die Hand nehmen wolle. Seiner hochschwangeren Frau wolle er das frühe Aufstehen nicht zumuten. Wie äußerst chevaleresque, dachte nicht nur ich, sondern auch all meine Freundinnen. Und ich wurde wieder einmal darin bestätigt, dass ich mir den feinsten aller Männer als Vater meiner Kinder ausgesucht hatte. Anfang September war es dann so weit: voller Elan und mit geballtem Enthusiasmus verabschiedeten sich der große und der kleine Mann Richtung Kindergarten. Die ersten drei Tage konnte man mit viel Wohlwollen dann durchaus als Erfolg verbuchen. Denn man hatte sich ja schon auf ein Schatten-Dasein des kleinen Stenzes eingestellt. Solange mein Mann also in unmittelbarer Nähe höchstens 20 cm rechts, links oder hinter ihm weilte, empfand der Stenz seine neue Spiel-Destination als großartigen Spaß. Doch wehe, mein Mann erlaubte sich, sich beim benachbarten Bäcker zu stärken. Dann brach Geschrei aus. Am vierten Tag der Eingewöhnung unterstellte man unserem Stenz so viel Mut, dass mein Mann die Erlaubnis erhielt, sich vor den Kindergartentoren ein wenig die Beine zu vertreten. Er lief hin und her, her und hin und beglückwünschte sich nach vier Tagen Kindergarten-Haft zu seinem Freigang. Als er dann wieder die Herberge bunter Perlen, Stofftierchen und Puppenecken betrat, wartete dort nicht nur ein vollkommen aufgelöster und weinender Stenz, sondern auch eine von einer anderen Mutter alarmierte Kindergärtnerin. So wurde der Mann, der das Haus nie ohne seine schwarze Umhängetasche verließ, von einer verantwortungsbewussten Mutter, als höchst suspektes Objekt eingestuft. Besagte Mama hatte meinen Mann wohl bei seinem wirren Hin und Herlaufen am Eingang des Kindergartens observiert und als irren Sittenstrolch mit schwarzer Tasche entlarvt. Schon etwas missmutiger als die Tage zuvor, ob der hanebüchenen Verdächtigung kamen mein Mann und der Stenz von ihrer Kindergarten-Mission nach Hause. Auf meine freudige Frage „Und mein Engel, wer war denn heute im Kindergarten dein bester Freund?“ antwortete der Stenz wie schon Anfang der Woche etwas einsilbig „Der Papa“. Doch wie sich herausstellte, sollte die Stimmung am Ende der Woche noch tiefer in den Keller sinken. So war für Freitag ein unterhaltsamer Ausflug auf den Kartoffelacker geplant. Wieder mit seiner schwarzen Umhängetasche bewaffnet zogen der Mann und der Stenz von dannen gen Knollenwurzelfeld. Die Begeisterung meines Mannes hielt sich schon im Vorfeld in Grenzen. Nachdem beide Männer mit einer zweistündigen Abwesenheit zu Hause geglänzt hatten, kehrte der eine brüllend und der andere im höchsten Maße griesgrämig von ihrer misslungenen Agrar-Exkursion heim. Der eine griesgrämig, weil er viel zu lange zum Rumstehen auf dem Kartoffelacker verdammt wurde, der andere brüllend, weil er noch viel länger aber nicht ohne Begleitung seines Lieblingsfreundes auf dem Kartoffelacker rum stehen wollte.

Mach Dich unsichtbar!

Nach diesem Fiasko, entschied ich mich, 38. Schwangerschaftswoche hin oder her, das Projekt Kindergarten-Eingewöhnung selbst in die Hand zu nehmen. In der Retrospektive betrachtet, bezwang ich diese Mammut-Aufgabe mit der folgenden dominanten Strategie: Steigerung des kindlichen Sicherheitsbewusstseins durch stufenweise mütterlichen Rückzug. Dabei wurde letzterer vor allem räumlich gesehen. Außerdem sollte mein Stenz bei der Eingewöhnung tatkräftig von seinen Stofftier-Kumpanen Bella und dem Hasen emotional begleitet werden. Während ich also die ersten Tage, sozusagen noch in Stufe eins des Projektes, als hochschwangerer Walross ins Puppeneck gequetscht imaginären Tee an des Stenzes Kuscheltier-Zoo ausschenkte, versuchte ich mich später soweit es als Frau mit gigantischem Bauchumfang ging, unsichtbar zu machen. Daher fand ich mich in Phase 2 an der Türschwelle des Bienenstocks auf besagtem Miniaturstühlchen wider. Natürlich war der Übergang vom Puppeneck ins „Vor die Tür Exil“ mit lauthalsem Protest des Stenzes begleitet. Doch unterstützt von den Erzieherinnen, die das ein oder andere hormonelle Tief von mir hautnah miterleben durften, folgte ich der Strategie mit großer Stringenz. Und yippie, nach nur zwei Wochen saß ich dann in meinem finalen Versteck, dem dunklen und leider sehr kalten Kindergartenbüro. Von hier durfte ich mit knurrendem Magen durch die Türspalte neidvoll zusehen, wie täglich eines der kleinen Bienenstock-Bewohner mit Muffins, Törtchen und Kuchen und schallendem Gesang als Geburtstagskind gefeiert wurde. Während dieser Hungerattacken sann ich meinen perfiden Fluchtplan aus. Denn ich war die mitleidigen Blicke all der anderen Mütter allmählich leid. Ich beneidete nämlich nicht nur die Kinder um ihre Smarties verzierten Cup-Cakes, sondern auch die anderen Mamis, die ihren Nachwuchs nach einer halbstündigen Eingewöhnung erfolgreich in der Obhut der Erzieherinnen ließen. Dabei kann Neid, wie ich merkte, eine sehr gute Antriebsfeder für blühende Phantasie sein. So bestand mein Flucht-Plan in einem kurzen Schauspiel aus zwei Akten:

Akt 1: ich stürme aufgelöst aus meinem Versteck zum Stenz und berichte ihm panisch, dass eine Politesse gerade dabei ist mein Auto abzuschleppen. Dabei staunte nicht nur der Stenz, sondern der gesamte Bienenstock über mein theatralisch vorgetragenes Ansinnen.

Akt 2: ich brenne zur Rettung meines Vehikels durch und eile von dannen.

Die rettende Verkehrswidrigkeit

Dieses Schauspiel wiederholte ich nun jeden Tag und machte den Stenz schon beim Einparken darauf aufmerksam, dass ich heute leider wieder im absoluten Halteverbot stünde und auf seine Mithilfe angewiesen sei. Denn ohne seine Erlaubnis mich aus dem Kindergarten zu entfernen, drohe ein böser, böser Strafzettel, der uns in den finanziellen Ruin treiben würde. Und mein Plan ging auf. Bis auf eine kleine Panne. Denn bevor ich mit Akt 1 begann, unterrichtete ich eine der Kindergärtnerinnen von der bevorstehenden Tragödie, die ich gleich im Begriff war, zu inszenieren.

Leider war hierbei ein anderes Kindergartenkind, nämlich die Spionin Sophie, anwesend. Man sollte nie die Solidarität und das konspirative Bewusstsein von Kindergartenkindern unterschätzen. Denn die kleine Denunziantin verpetzte mich umgehend beim Stenz noch bevor ich mein schauspielerisches Können unter Beweis stellen konnte. Doch dieser Fehler passierte nur ein einziges Mal und nach vier Wochen des Mama- und Papagartens war der Stenz eingewöhnt. Seither schwebt er mit großer Begeisterung als kleine Biene gen Bienenstock.

Dieser Beitrag ist ein Gastbeitrag unserer Bloggerin Andrea Labonte.

 

 

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