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Gastbeitrag: „Home Insanity“ statt „Home Office“ – Arbeiten am Rande des Wahnsinns

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Das Baby schreit. Das Feuerwehrauto tönt lauthals Tatütata. Der Stenz röhrt ohrenbetäubend: „Aus dem Weg ein Notfall!“. Und ich versuche mich trotz dieser Kakophonie zu konzentrieren. Die Betonung liegt dabei auf: ich versuche! 

Ich liebe unser Haus. Es ist wunderbar, wie für uns gemacht. Aber es hat ein Manko, es ist zu klein. Es fehlt ein Raum mit einer schallisolierten Tür mit Sicherheitsschloss. Genau danach sehne ich mich just in diesem Moment. Mein Mann und ich teilen uns Haushalt und Kinderbetreuung gleichermaßen. Aber er hat einen ganz entscheidenden Vorteil: nämlich ein abschließbares Büro. Und genau wie die gemeine Strandkrabbe bei den winzigsten Erdvibrationen blitzschnell in ihr Sandloch huscht, schlüpft mein Mann bei den geringsten akustischen Irritationen, die bei unserem Holzhaus oft mit erdbebenartigen Vibrationen einhergehen, in sein Sandloch – das verschließbare Refugium. Wie ich ihn darum beneide!

Schlafend in den Arbeitstag

Oft beginnt mein Arbeitstag zu einem Zeitpunkt, an dem ich schon wieder so müde bin, dass ich zum Start erst mal mit dem Kopf auf die Schreibtischplatte falle und ’ne Rund poofe. Schlafend in den Arbeitstag sozusagen. Das hat den Vorteil, dass ich dann auch wirklich taufrisch bin, wenn ich meine ersten E-Mails verfasse. Das könnte jetzt irgendwie faul klingen. Aber ich bin nicht faul. Ich bin kurioserweise bloß schon ziemlich erschöpft noch bevor ich meinem Broterwerb nachkomme.

Denn ich habe zwei Kinder, die morgens gewickelt, gewaschen, gezahnbürstet, mit lustig verzierten Frühstücksbroten versorgt und mit schleimigem, farbintensivem Brei gefüttert werden wollen. Wenn dann auch noch Ferien sind, möchte der Stenz außerdem unterhalten werden. Das ist besonders anstrengend, wenn eine lange To-Do Liste vor meinem inneren Auge aufflammt. Und auch das Baby kann momentan nichts mit sich anfangen. Seit es seinen ersten Zahn hat, ist der einzige Ort, an dem es sich glücklich fühlt, die Brust und das 24/7. Dabei versuche ich alles, um mein Baby an Breichen zu gewöhnen. Aber die Fütterung des Babys ist ein mühsamer für mich als Ordnungsfanatiker und Pedant oft sehr schmerzvoller Akt, der mir schon vor meinem eigentlichen Arbeitsbeginn die letzte Kraft raubt.

Die große Breifütterung: Frust lass’ nach!

Grundvoraussetzungen hierfür sind sehr viel Geduld und eine große Frustrationstoleranz. Über beide Eigenschaften verfüge ich nicht. Lieber würde ich zehn Mal wickeln als einmal Breichen geben. Dem Baby schmeckt leider kein Breichen, aber von diesen schmeckt ihm irgend etwas mit Karotte noch am wenigsten schlecht. Es lebe die Litotes! Wenn Sie verstehen was ich meine. Die Konsequenz: Die Garderobe des Babys, genau wie meine eigene ist mittlerweile orange gesprenkelt. Damit die Fütterung wenigstens eine zwei prozentige Erfolgsquote aufweist, muss ich mein gesamtes baby-kompatibles Potenzial als Comedian zum Einsatz bringen. Hierbei ist wichtig, dass ich einen Dutt auf dem Kopf trage. Der kann ruhig schlampig gemacht sein. Das Baby nimmt es nicht so genau. Perfekt für mich, denn ein schlampiger Dutt gehört zurzeit quasi zu meiner Arbeitsuniform. Das Mahlzeiten – Spektakel beginnt dann so: Das Baby sieht mich mit dem nahenden Breichen und presst seine Lippen fest zusammen. Ich versuche, den üppig orange beladenen Löffel zwischen des Babys Lippen zu manövrieren. Keine Chance, dieser Punkt geht an das Baby. Ich verwandele mich in einen Wackel Dackel und lasse meinen Kopf-Dutt hopsen. Das Baby lacht und schwupps, die Löffel-Ladung in den halb geöffneten Mund geschüttet. Ein Punkt für mich. Das Baby prustet los und orangene Klümpchen fliegen mit Karacho durch die Luft. Wer zuletzt lacht, lacht am besten. Zu früh gefreut. Zwei zu null für das Baby. Mein Ehrgeiz ist geweckt. Die Kopf-Dutt Nummer wiederhole ich in Dauerschleife bis sich das Baby vor Lachen schüttelt und das Mäulchen dabei weit aufreißt. Und potzblitz hinein mit der Beta-Carotin-Bombe. Yeah, jetzt tanze ich wirklich Chignon hüpfend durchs Esszimmer. Das Baby ist so perplex und schluckt. Doch das war’s dann auch. Die zweiprozentige Erfolgsquote ist erfüllt und das Baby erklärt seine Mahlzeit für beendet. Deutliche Signale hierfür: Andauerndes Kopf schütteln. Außerdem wird der Inhalt jedes weiteren Löffelchens zwischen dem Kiefer wieder kunstvoll herausgequetscht und mit beiden Händen, manchmal sogar Füßen irgendwo verteilt. Ob Spielsachen, Wände, Kleider, Teppiche oder das eigene Haar – auch hier ist das Baby nicht wählerisch. Was ich jeden Tag hautnah miterleben darf ist das Gegenteil von freudvoller Kulinarik.

Schlaf Kindlein schlaf

Im Anschluss an das karge Mahl wirft sich das Baby inbrünstig an meine Brust. „Endlich hast Du verstanden Mama, ich will nix anderes.“ Hier möchte das Baby nun am liebsten für unbegrenzte Zeit verweilen. Denn geschlafen wird seit zwei Wochen am liebsten nur bei Mama auf dem Arm. Ich gestatte es dem Baby und lege es, nachdem ich lange, wirklich sehr lange abgewartet habe, wie ein rohes Ei behutsam in sein Bettchen. Ein Aufschrei des Schreckens. „Schhhhhhhhh.“ Hand feste auf den Bauch gelegt, liebevoll über die Schläfen gestrichen. Das Baby atmet daraufhin sanft. Ich denke, „ich hab’s geschafft“ und schleiche mich auf leisen Sohlen zur Tür. Erneutes Aufbäumen und klägliches Weinen. Das kann doch nicht wahr sein! Wenn ich wüsste, wie man aus der Haut fährt, ich würde meine Haut abstreifen und davonfliegen. Also nochmal von vorne mit dem Schhhhhh – Gedöns. Zu meiner großen Verwunderung klappt’s diesmal! Geschafft, ich renne an den Schreibtisch zu meiner To Do Liste.

Mein Tagwerk kann beginnen

Ich arbeite mich langsam ein. Lese E-Mails und fange an, die erste E-Mail zu beantworten. Was war das? Der Stenz kommt kreischend die Treppe hoch. „Mama, Papa, ich will mit Euch spielen!“ Der Papa sitzt eingeschlossen in seinem Sandloch. Daher bin ich des Stenzes Ansprechpartner Nummer eins. Blöd auch, dass sich mein „offenes Büro“ genau vor der Baby-Schlafstätte befindet. Denn der Stenz ist auf Krawall gebürstet. Das spüre ich schon am trampelnden Treppe hoch rennen. Es kommt wie es kommen muss: Nach 10 Minuten flüchtigster Schreibtischarbeit schreit das Baby spitz. Ich stehe kurz davor hochfrequent mit einzustimmen. Was macht eigentlich mein Mann? Ach ja, der kuriert gerade seinen Männerschnupfen.

Aber ich habe eine Deadline. Daher wird das Baby, Schlaf hin oder her, hinter mich und meinen Schreibtischstuhl gelegt – seitlich ist leider kein Platz. Glucksend freut es sich über die vielen Spielsachen auf der Krabbeldecke. Na wenigstens etwas. Der Stenz hat sich auch wieder beruhigt und drollt sich, Lego sei Dank, in Richtung Wohnzimmer. Perfekt. Auf zur Deadline!

Gefühlte zehn Minuten später drehe ich mich um und sehe, wie das Baby dabei ist, die Flip Flops meines Mannes zu verspeisen. Ich wusste es, es hatte doch noch Hunger. Von unten im Wohnzimmer vernehme ich dumpfes Geklapper und Wasserrauschen. Ich eile mit dem Baby treppab und erstarre: Der Stenz hat die Wasserspiele von Schloss Versailles in unserem heimischen Wohnzimmer nachgebaut. „Oh, What a day!“

Dieser Beitrag ist ein Gastbeitrag unserer Bloggerin Andrea Labonte.

 

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