Gastbeitrag: Der Berg ruft

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Es ist 5:30 Uhr und das Baby erklärt den Tag voller Enthusiasmus für angebrochen. Es liegt in seinem Bettchen und imitiert seit einer halben Stunde Pups-Geräusche. Dabei wähne ich mich plötzlich nicht mehr in einem österreichischen Wellnesshotel, sondern in einem mexikanischen Dorf, das zu viel Chili gegessen hat und nun kollektiv aufgebläht gen Himmel steigt.

Es ist 5:30 Uhr und das Baby erklärt den Tag voller Enthusiasmus für angebrochen. Es liegt in seinem Bettchen und imitiert seit einer halben Stunde Pups-Geräusche. Dabei wähne ich mich plötzlich nicht mehr in einem österreichischen Wellnesshotel, sondern in einem mexikanischen Dorf, das zu viel Chili gegessen hat und nun kollektiv aufgebläht gen Himmel steigt.


Nach einer halben Stunde sind des Babys Pups-Imitationen beendet und es beginnt, an seinem Reisebettchen zu kratzen wie ein resignierter Tiger nach jahrzehntelanger Gefangenschaft. Der Stenz verlässt nun auch sein Schlafgemach, in dem es bereits trotz der unwirtlichen Zeit taghell ist und klettert in unser Bett. Der Grund, er hat fürchterliche Angst. Wovor? Vielleicht vorm Zugspitz-Ungeheuer? Ich weiß es nicht. Und da das Baby nun alternierend kratzt und schreit ist für uns alle die Nacht zu Ende.

Spitze Baby-Schreie, die beste Abwehr gegen Zugspitz-Ungeheuer?

Der Plan, dass das Baby seinen großen Bruder in der Nacht vor allem Unbill beschützen und zu diesem Zweck mit ihm das Hotel-Schlafzimmer teilen sollte ging leider nicht auf. Aber ich bin mir sicher, dass da oben im Himmel irgendjemand schallend über unser Vorhaben lachte. Nachdem ich bei allen Freunden und Bekannten mit Stolz geschwellter Brust verkündet hatte, dass unser Baby seit neuestem durchschläft und ungefragt diverse Tipps zur friedvollen Nachtruhe zum Besten gab, hielt unser Zweitgeborenes seine Durchschlaf-Erfolge von zu Hause im fernen Österreich für nicht wiederholungswürdig und wachte jede Stunde auf. Daher landete das Baby letztlich doch wieder im elterlichen Schlafgemach und stand dem Stenz zur Abwehr von Monstern, Hexen und Ungeheuern leider nicht mehr zur Verfügung. Oder galten des Babys nächtlichen Schreie der Stenz’schen Verteidigung hier auf unbekanntem Hotel-Terrain? Wir werden es wohl nie erfahren.

Blaubeeren – des Bergsteigers liebste Stärkung

Doch ist es nicht so, dass richtige Profi-Bergsteiger immer im Morgengrauen die Gipfel stürmen? Es ist einfach alles eine Frage der Perspektive und wir sollten den originellen Weckgeräuschen des Babys dankbar sein. Denn der Berg ruft! Um sich optimal auf die kräftezehrende Bergtour vorzubereiten, stärkt sich der Stenz am üppigen Frühstücksbuffet mit drei Blaubeeren während sich das Baby jauchzend eine schmuckvolle Kette aus Laugenbrezel knüpft, die es für den Rest des Tages in den Halsfalten selbstbewusst zur Schau trägt. Dann sind wir bereit: das umliegende Gebirge kann von uns bezwungen werden. Vollkommen unausgeschlafen, aber trotzdem glücklich trällern wir gemeinsam „Im Frühtau zu Berge, wir zieh’n fallera“ als wir frohen Mutes dem Hotelaufzug entsteigen.

 Ballerina-beschuhte Gipfelstürmerin

Allerdings erfahre ich einen leichten Dämpfer als mich mein Mann ungläubig mustert und fragt, ob das von mir gewählte Schuhwerk für diese Bergtour mein Ernst sei. Als fröhliche Rheinländerin, die zwar in Bayern wohnt, gehören Bergtouren zugegebenermaßen nicht unbedingt zu meinen bevorzugten Freizeitaktivitäten. Und ich dachte mir beim Packen, dass Flip-Flops, Espadrilles und Co für kleine alpine Exkursionen schon irgendwie ausreichen. So starte ich, die Amateur-Bergsteigerin, mit perfektem Schuhwerk, nämlich braunen Ballerinas, das 80-prozentige Gefälle, das mit Rollsplit übersät ist. Gut, der letzte Sprunggelenksbruch ist ja auch schon wieder zweieinhalb Jahre her. Das Thermometer zeigt bereits morgens um 9:30 h stolze 30 Grad Celsius – ideale Bergwander-Konditionen also. Schade, dass mein Hut und meine Sonnenbrille noch im Hotelzimmer verweilen. Aber das bisschen Höhenstrahlung wird meinem Teint schon nicht schaden. Und so lasse ich mir meine gute Laune weiterhin nicht nehmen. Das Baby sitzt vergnügt in seinem Offroad-Turbo-Kinderwagen und erfreut sich der spektakulären Alpenkulisse und wartet gespannt auf den Höhenrausch! Es merkt nicht, wie der Mann schon nach den ersten fünf Minuten schwer zu atmen beginnt und leise vor sich hin nuschelt: „Das kann ja lustig werden.“ Der Stenz, der gestärkt durch sein opulentes Beeren-Frühstück, großzügig unseren übergroßen Wanderrucksack trägt, nimmt mich plötzlich schützend an die Hand und sagt: „Mami, ich stütze Dich, damit Du Dir nicht wieder das Bein brichst, wie beim Laternenumzug“. Es geht doch nichts über einen vierjährigen Gentleman!

Die prustende Bergkarawane schleppt sich von Serpentine zu Serpentine

Da könnte sich der Mann, der bei der zweiten Serpentine stöhnend sein Hemd vom Leibe reißt eine Scheibe von abschneiden. Nach der dritten Serpentine bittet er mich, Ballerinas hin oder her, ihn doch von hinten irgendwie anzuschupsen. Er schöbe ja schließlich unser 12 kg schweres Baby und den elefantengleichen Kinderwagen-Tross und das bei sengender Sahara-Hitze. So arbeitet sich die Profi Bergsteiger-Karawane ächzend und stöhnend von Serpentine zu Serpentine. Behände werden wir von zwei rüstigen Rentnern überholt. Ich schäme mich. Ein bisschen wenigstens. Der Stenz wirft unseren XXL-Wanderrucksack widerborstig von sich und fragt mit gesteigerter Empörung, wann denn endlich der Zauberwald in Sicht sei. Und auch für mich wäre jetzt jeder Wald irgendwie magisch und ich sehne mich nach einer Pause oder sogar der Beendigung dieser Bergtour. Immerhin kraxeln wir hier ja schon 15 Minuten quasi senkrecht die Steilwand hinauf. Es reicht mir und ich beginne im Duett mit dem Stenz zu nörgeln und zu quengeln. Der Mann, der sich an sein Workout und seine strikte Diät erinnert, schüttelt mich, den hinteren „Anschieber“ gönnerhaft ab und beginnt uns, wie ein Bergführer zu motivieren. „Kommt, lasst Euch nicht so hängen, ich seh’ schon das kleine Holzhäuschen und die Wasserspiele hör’ ich auch schon förmlich plätschern.“ Der Stenz vergisst seine Müdigkeit und trabt glückselig den rauschenden Springbrunnen entgegen. Dank unseres alpinen Coaches wird unsere Bergtour trotz aller Widrigkeiten doch noch ein voller Erfolg. Meine Bedenken, beim Abstieg von einem Bergretter per Helikopter abgeschleppt zu werden, erweisen sich als unbegründet. Auch haben wir das Baby beim kollektiven Runterrollen nicht verloren. Im Hotel angekommen, stoßen mein Mann und ich auf das Überleben unserer Familie mit einem Glas frischen Quellwasser an und stürzen uns in den warmen Solepool. Das haben wir uns nach dieser zweistündigen Tour zum Zauberwald für Kleinkinder auch so was von verdient!

Dieser Beitrag ist ein Gastbeitrag unserer Bloggerin Andrea Labonte.

 

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